Archiv für die Kategorie „Big Bend Nat. (2009)“

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Reisebericht

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Nachdem fest stand, dass ich und ein ebenfalls outdoor begeisterter Kollege unseren Arbeitgeber auf einer Konferenz nähe Houston (Texas) vertreten würden, stand für uns beide recht schnell Fest, dass wir an diesen Trip noch 4-5 Tage Urlaub hängen würden. Nach erstem Google und Google Maps Studium stellte sich schnell heraus, dass es gar nicht so viele Ziele in Reichweite Houston gibt, die sich für einen max. dreitägigen Trekking-Trip eignen würden und nicht wegen Hurrikan Schäden gesperrt waren. Unsere Wahl viel nach einigem Hin und Her dann (wie von User Waldmann) empfohlen auf den Padre-Island Nationalpark.

Start im Morgengrauen

Start im Morgengrauen

Nach einigen heißen tagen während der Konferenz und ausgiebigem Baden im Golf von Mexiko, änderte sich das Wetter am Morgen des Aufbruchs jedoch dramatisch – die Temperatur viel um fast 20 Grad auf 10 Grad und die Zeitungen kündigten regen für die nächsten tage an. Wir waren uns daher schnell Einig, nicht nach Padre-Island zu fahren, sondern (wie ebenfalls von Waldmann) empfohlen dem wesentlich weiter entfernten Big-Bend Nationalpark einen Besuch abzustatten.

Also fuhren wir am Dienstag Morgen von Houston in Richtung Südwesten los. unser Plan war es, am späten Dienstag Abend auf einem Campingplatz kurz vor dem Nationalpark zu nächtigen und Mittwoch Morgen zeitig los zu wandern. Leider unterlag diese Planung drei schwerwiegenden Fehlern: 1. Wir waren alles andere als Fit, da wir die Nacht vorher etwas heftiger Gefeiert hatten. 2. Wir haben die Entfernung per Luftlinie bestimmt und auf der Reiseführerkarte nicht bemerkt, dass wir einen 400km Umweg fahren müssen, da es so weit im Süden einfach kaum Straßen gibt. 3. Das strenge Tempolimit von ca. 110 km/h haben wir auch irgendwie nur überschlagen.

Außerdem mussten wir uns noch mit Verpflegung für die geplanten drei Tage eindecken, weshalb wir kurzerhand bei einem der riesigen Supermärkte am Straßenrand einen Stopp einlegten um einzukaufen. Dieses gestaltete sich schwieriger als erwartet. Da wir keinen Kocher dabei hatten wollten wir auf Brot und Aufstriche sowie Müsli und Milchpulver setzen. Das ist in Amerika kein richtiges Brot gibt ist zwar hinreichend bekannt, aber dass es so schlecht sein würde hat uns denn schon etwas überrascht. Das erworbene Toastbrot hatte dann aber doch etwas für sich: Es ließ sich auf die Größe eines Hamburgers komprimieren und hat anschließend besser geloftet als mein Daunenschlafsack – also durchaus outdoortauglich. Ebenso die Aufschrift auf den teureren Käsesorten “Contains real Cheese” ließ nichts gutes erwarten. Vollends verzweifeln ließen uns dann aber die angebotenen Müsliriegel: diese waren allesamt extrem Kalorien reduziert, weswegen wir gleich zu einer 30er Packung griffen…

Bärenwarnungen überall

Bärenwarnungen überall

So kam es, daß wir nach diversen Stopps an örtlichen Fast-Food Läden unter schamloser Ausnutzung des Free-Refills auf Koffeinprudukte um ca. 0.00h nicht kurz vor dem Nationalpark waren, sondern noch ca. 200 Meilen entfernt. Da wir beide uns absolut nicht mehr wachhalten konnten und eine weitere Koffeinzufuhr irgendwie bedrohlich erschien, planten wir eine Stunde im Auto zu schlafen. Als wir wach wurden war es schließlich nach 6.00h Morgens und wir kamen somit erst um ca. 10.00h an der Nationalparkzentrale an. Dort haben wir uns erstmal von dem sehr kompetenten Ranger über mögliche Routen informieren lassen. Leider bestand ein Großteil der Routen aus nicht verbundenen Tageswanderungen oder waren mit unserem nicht geländetauglichem Mietwagen nicht erreichbar. Also wählten wir nach einiger Diskussion die “Outer Mountain Loop” aus; ein Rundkurs durch Berge und Wüste mit einer Länge von ca. 35 Meilen, der an sich für drei bis vier Tage konzipiert ist. Der Ranger versicherte uns aber, dass man den auch in 2 Tagen schaffen könnte. Da wir nur noch einen halben Tag zum Wandern hatten und den dritten Tag auch lieber als halben Tag einplanen wollten – schließlich wollten wir für die Rückfahrt etwas mehr Zeit einplanen um nicht unseren Flug zu gefährden – schien uns diese Route optimal und wir gingen sofort ins Büro nebenan um unsere Schlafplätze zu buchen. Den ersten Platz wählten wir am Übergang zwischen Gebirge und Wüste nach ca. 12 Meilen aus und den zweiten Platz wieder ganz oben in den bergen nach weiteren 18 Meilen, da uns die Route durch die Wüste als schneller zu bewältigen erschien.

Wandern in den Wolken

Wandern in den Wolken

Nachdem wir nun nochmal per Auto durch den halben Park gefahren sind um wie uns empfohlen einen Wasservorrat anzulegen, sind wir um 12.00h am Bassin-Camp los gewandert. Das Camp liegt auf ca. 1600m Höhe und lag Mittags noch komplett in den Wolken. Die Sichtweite betrug unter 50m. Nach etwa 500m passierten wir das erste Schild was vor einem Bären warnte der hier in den letzten Tagen gesehen worden war. Beim Kontakt mit eben diesem wurde übrigens empfohlen ihn mit Steinen zu bewerfen.

Als wir kurze Zeit später auf einige Hirsche trafen, beschlossen wir, dass der Bär wohl eher nicht in der Nähe sei und gingen unverrichteter Dinge durch die trotz Nebel (wohl eher Wolken) beeindruckende Landschaft. Der Weg ging Steil bergauf und die Landschaft hatte eher etwas von einem Regenwald als von einer Wüstenlandschaft. Um uns herum war sattes Grün und unzählige Pflanzenarten säumten den hier noch gut erkennbaren Trail.

Nach ca. 2 Stunden waren wir bis auf 2100m aufgestiegen und der Nebel lichtete sich urplötzlich. Der Himmel zeigte sich im klaren Blau und die Sonne heizte uns mächtig ein. Die Landschaft erschien so in einem ganz anderen Licht und das rot und gelb der Felsen kam prächtig zur Geltung. Kaum hatten wir uns an das erste Stück gerades Gehen gewöhnt, ging es auch schon wieder an den Abstieg. Dieser war ebenso steil wie der Aufstieg und erforderte unsere volle Konzentration. Da wir beide keine Wanderschuhe mehr ins Gepäck bekommen hatten, waren wir mehr oder Minder in Turnschuhen unterwegs, welche bei diesem Abstieg auf eine harte Probe gestellt wurden. Auch war der Weg hier längst nicht mehr so gut wie beim Aufstieg, da sich die anscheinend deutlich mehr bewanderten Eintagesrouten mittlerweile alle abgespalten hatten.

Nach dem Aufstieg folgt der Abstieg in die endlose Wüste

Nach dem Aufstieg folgt der Abstieg in die endlose Wüste

Nach einer weiteren von unzähligen Serpentinen öffnete sich plötzlich der Wald und wir hatten freien Blick auf die weite Ebene des vor uns liegenden Canyons. Dieser Blick war wirklich atemberaubend. Um uns das satte grün des Waldes und in der Ferne eine scheinbar tote ebene aus lebensfeindlicher Wüste, die aus der Ferne einer Mondlandschaft glich.

Sofort kamen uns Assoziationen aus “Der Herr der Ringe” in den Sinn, die vom Betreten des Landes Mordor handelten. Nach einigen weiteren Stunden bergab hatten wir den Canyon schließlich erreicht und stellten verwundert fest, dass er weder besonders eintönig noch lebensfeindlich zu sein schien. Neben diversen Kakteen und Dornenpflanzen wuchsen auch einige Büsche und ein dichtes Gestrüpp auf dem Boden. Dies führte dazu, dass wir komplett auf dem schmalen Trail angewiesen waren, da an ein Querfeldein Laufen absolut nicht zu denken war. Also folgten wir dem Weg, bis schließlich gegen 18.00h und nach exakt 18km Weg plötzlich ein Gewitter aufzog. Während wir noch darüber diskutierten, wann wir denn wohl unser Zelt aufschlagen würden fing es plötzlich heftig an zu regnen und wir beschlossen sofort mit dem Aufbau anzufangen zumal der Untergrund an dieser Stelle recht geeignet schien.

Morgens geht es im nebel weiter

Morgens geht es im Nebel weiter

Leider gab es ein kleines Problem mit dem Zelt, was ich erst einen Tag vor der Tour neu gekauft hatte und unbedingt Testen wollte. Es waren max. die Hälfte der benötigten Heringe im Packsack und auch eine Aufbauanleitung fehlte. Obwohl ich mir das fehlen einer solchen niemals als ernstes Problem vorgestellt hatte, wurde es uns hier zum Verhängnis: Neben den drei Gestängebögen gab es noch eine kurze starre Stange für das Fußende, deren korrekte Verwendung uns auch nach einer geschlagenen Stunde nicht klarer werden wollte. Wir kamen also zu dem Schluss, dass die Stange kein Originalzubehör des Zeltes sein kann oder wir schlicht und einfach zu blöd sein müssen. Nachdem wir die Stange irgendwie in den Fußraum gekantet haben und die Heringe durch Steine ersetzt haben, aßen wir im Regen unsere Mahlzeit (Im Zelt essen soll man wegen der Bären nicht) und versteckten die Lebensmittel anschließend unter einigen Steinen ein Stück vom Zelt entfernt, da es hier draußen keine Bärenschutzboxen mehr gab. Dem Gewitter und heftigen Windböen hielt das Zelt zwar Stand, allerdings waren unsere Schlafsäcke am nächsten Morgen ziemlich nass, da das Außenzelt nahezu überall das Innenzelt berührte und somit das heftigst auftretende Kondenswasser auf uns hinab regnete.

An der Homer Wilson Ranch lagen unsere Wasser und Tortilla Vorräte

An der Homer Wilson Ranch lagen unsere Wasser und Tortilla Vorräte

Am nächsten Morgen sind wir nicht wie geplant um 6.00h, sondern erst um 9.00h aufgewacht, weshalb wir beschlossen sofort einzupacken und unser Frühstück halbwegs im Gehen einzunehmen. Wenigstens waren wir nachts von Bären, Klapperschlangen und Pumas verschont geblieben und auch unsere Lebensmittel blieben unversehrt. Das Wetter war noch schlechter als am Morgen zu vor und die Sichtweite im Nebel betrug nun max. 20m. Nach wenigen Minuten des Laufens und Wahrnehmung des scheinbar immer gleichen, kreisrunden Ausschnitts der Wüste hatten wir komplett die Orientierung verloren und mussten uns Stur auf das GPS verlassen. Bei mehreren Weggabelungen waren wir uns sicher direkt zum vorherigen Nachtlager zurückzugehen, auch wenn das GPS das Gegenteil anzeigte. Wir glaubten allerdings dem GPS was sich wie erwartet als gute Wahl erwies. Die folgenden ca. 20 Kilometer Wüste wollten wir schnell in vier Stunden abreißen, da sie laut Topo-Karte vom Nationalparksamt kaum Höhenmeter enthalten sollten. Doch weit gefehlt. Die gesamten 20 km waren ein ständiges auf und ab von ca. 30 Höhenmetern durch einen schmalen Graben. Wegen der üppigen Bodenvegetation war an ein gerades durchwandern unter Auslassung der ständigen Auf- und Abstiegen an dessen Flanken leider nicht zu denken.

Der letzte Aufstieg - in drückender Hitze

Der letzte Aufstieg - in drückender Hitze

So kamen wir nicht wie geplant gegen Mittag, sondern erst nach 15.00h an der verlassenen “Homer Wilson Ranch” an, an der wir unsere zwei Gallonen Trinkwasser und eine riesige Tüte Tortillas inkl. Dip deponiert hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon ziemlich fertig und unsere Schuhe komplett durchnässt. Nach 20km Wegstrecke und ca. 700 nicht eingeplanten Höhenmetern kamen erste Zweifel auf, ob wir die anschließenden Kilometer und nochmal mindestens 800 Höhenmeter überhaupt schaffen würden. Just in diesen Momenten des Zweifels kam jedoch zum ersten mal an diesem Tag die Sonne heraus und der Nebel verzog sich komplett. Somit beschlossen wir sofort weiterzulaufen und statt der Regenjacke + Softshell auf T-Shirts umzusteigen. Nach wenigen hundert Metern und erneuter Puma-Warnung ging es sofort Steil bergauf. Der weg bestand dabei aus einem trockenen Flussbett mit feinen Kieseln als Untergrund.

Der Gipfel ist in greifbarer Nähe

Der Gipfel ist in greifbarer Nähe

Es lief sich ungefähr so wie am Sandstrand, nur halt bergauf. Nach einer Stunde bergauf Laufens in praller Sonne war ich fix und fertig und brauchte unbedingt eine Rast. Mir taten Schultern und Füße weh und ich konnte mir nicht vorstellen es noch bis zum endlos weit entfernt erscheinenden Gipfel zu schaffen. Insgeheim suchte ich permanent die Gegend nach geeigneten Zeltplätzen ab, aber es gab einfach keine. Mein Kollege wies zudem bei jedem Anflug eines solchen Gedankens darauf hin, dass man hier nirgends Zelten dürfe aufgrund akuter Bärengefahr. Als ich mich gerade mit meinem Schicksal abgefunden hatte und wir uns schweigend Bergauf schleppten, war es plötzlich mein eben noch total fit erscheinender Kollege der in kurzen Abständen Pausen brauchte und sich über schmerzende Oberschenkel beklagte. Über 2,5 Stunden steilen bergauf Laufens später, erreichten wir schließlich die höchste Stelle des Trails und genossen sichtlich geschafft erstmal die Aussicht, bevor wir uns auf die Suche nach unserem zugewiesenen Zeltplatz machten.

Kurz vor diesem, holten wir zwei andere Wanderer ein die auf der selben Strecke wie wir unterwegs waren. Sie wollten allerdings an diesem Abend noch komplett bis zum Basin-Camp laufen und meinten es, trotz ihres offensichtlich völlig erschöpften Zustandes auch zu schaffen, da es ja nur noch Berg runter ginge.

Auf dem Weg zum Zeltplatz kam mir die Idee das selbe auch in Angriff zu nehmen und somit eine (nasse) Nacht im Zelt zu sparen und schon die ersten Kilometer der Rückfahrt in Angriff zu nehmen. Dann würden wir weder Zeitprobleme mit dem Flug bekommen noch spräche irgendwas gegen den Besuch diverser Outletstores und der Rei-Filliale in Houston. Gesagt getan, wir marschierten also munter Weiter und vernichteten im Handstreich die in den letzten Stunden mühsam errungenen Höhenmeter. Nach einem Endlosen Abstieg kamen wir schließlich nach 35km Wegstrecken und über 1500 Höhenmetern im Bassin-Camp exakt mit Einbruch der Nacht an. Zu unserer Freude hatte der extrem preiswerte Supermarkt noch eine halbe Stunde offen und wir konnten uns noch mit diversen Softdrinks eindecken und für die Rückfahrt fit machen.

Unser Auto steht einsam auf dem Parkplatz und der Shop hat noch offen - was will man mehr?

Unser Auto steht einsam auf dem Parkplatz und der Shop hat noch offen - was will man mehr?

Nach weiteren 24 Stunden Autofahrt und diversen lustigen Erlebnissen und Besichtigungen auf der Strecke, kamen wir schließlich pünktlich in Houston an und hatten ausreichend Zeit für diverse Einkäufe, eine Dusche und eine ordentliche Mexikanische Mahlzeit.

Alles in Allem beliebt zu sagen, dass der Big Bend ein absolut tolles Erlebnis war und die 48 Stunden Fahrt trotz des schlechten Wetters allemal wert war. Wir wollen unbedingt noch einmal hierhin zurück, nur dann mit etwas mehr Zeit und mehrere 2-3 Tägige Trails laufen und auf dem Rio Grande mal ein Kajak mieten.

Falls sich jemand für meine Ausrüstung interessiert:

Rucksack: GoLite Pinnacle
Schlafsack: Yeti.Pl Fenrir 600
Isomatte: TAR Prolite
Zelt: Terra Nova Laserlarge 3
GPS, Multitool

Mehr hatte ich absolut nicht dabei und war somit imho absolut ultra light unterwegs. Aufgrund der Schlangen und Spinnen hätte man wohl nicht am Zelt sparen können und der Schlafsack war für die ca. 0-5Grad in der Nacht auch genau richtig dimensioniert.
positiv überrascht war ich von den Schuhen die ich anhatte. Es waren JW-OutdoorTurnschuhe mit Texapore Membran, die ich mit an sich für das winterliche Berlin gekauft hatte. Obwohl sie eine deutlich zu weiche Sohle für diesen Einsatz hatten, haben sie sich hervorragend geschlagen und auch dicht gehalten. Irgendwann ist aber das Wasser einfach über die Socken in den Schuh gezogen, da wir permanent durch nasses Gestrüpp mussten und keine Gamaschen dabei hatten.

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