Reisebericht Israel ’09

Prolog

Schwer ist mir die Entscheidung nicht gefallen, an eine Konferenz in Tel Aviv noch eine Woche Urlaub anzuhängen und auf eigene Faust das Land zu erkunden. Lediglich Rückflug und Mietwagen wurden eine Woche vorher gebucht und am Tag der Abreise noch schnell ein Reiseführer besorgt – dann ging es auch schon los…

Tag 1

Tel Aviv Skyline

Tel Aviv Skyline

Der erste Tag wurde für eine ausgiebige Erkundung Tel Avivs genutzt und hatte zwar nicht mal im Entferntesten etwas mit dem Thema dieses Blogs – Trekking und Outdoor – zu tun, aber trotzdem will ich Euch diese Eindrücke nicht vorenthalten. Immerhin hatte ich meinen neuen Lowe Alpine Daypack auf den Schultern, von dem ich echt begeistert bin. Als erstes bin ich also vom Tagungshotel in Richtung Innenstadt gefahren und habe eine erste Dosis Israel in voller Härte zu spüren bekommen: Es gibt drei entscheidende Punkte in denen sich das Nahverkehrssystem in Israel von dem der BVG unterscheidet: 1. Es steht nicht die Endhaltestelle an der Haltestelle auf den Schildern, sondern der Start, 2. Alle Haltestellennamen sind in hebräischer Schrift auf dem Plan und 3. keine Haltestelle wird angesagt. Gemeinsam ist den beiden Systemen aber wahrscheinlich, dass die Busfahrer kein Englisch sprechen, auch wenn mir das in Berlin noch nie negativ aufgefallen ist. So führten die oben genannten Punkte sofort dazu, dass ich erstens in die Falsche Richtung gefahren bin und zweitens irgendwo wieder ausgestiegen bin, nur nicht da wo ich hin wollte. Also habe ich mich in irgendeinem Vorort mittels meines gratis Stadtplanes aus dem Hotel solange durchgefragt bis ich schliesslich in einem völlig anderem Bus saß und laut dem nun eingeschaltetem GPS auch in Richtung Innenstadt bzw. Strand Unterwegs war. Hier verlief dann alles reibungslos. Zuerst habe ich mir den großen Markt (Carmel Market) angesehen, der sehr stark an einen arabischen Basar erinnert, nur das man nicht permanent angesprochen wird. Ansich eine durchaus empfehlenswerte Einstimmung auf die nächsten Tage. Danach ging es weiter zum Strand in Richtung der Altstadt von Jaffa. Die Temperatur war mittlerweile auf über 25 Grad angestiegen und die Sonne brannte ziemlich stark. Da war es echt ärgerlich, dass trotz türkisem Meer und weisse,m Strand überall so fette “Baden verboten” Schilder rumstanden. Dieses war umso merkwürdiger, dass alle paar Meter Umkleidekabinen und Duschen installiert waren…

Tel Aviv Mc Donalds

Mc Donalds auf Hebräisch

In Jaffa angekommen, erwartet den Besucher eine vollkommen andere Welt. lief man eben noch im Schatten der spiegelnden Hochhaus-Fassaden, so fand man sich nun in einer schön erhaltenen – oder genauer gesagt, schön renovierten, arabisch anmutenden Altstadt wieder. Vor allem die engen Treppen und Gassen haben es mir angetan und auch der kleine Fischerhafen ist einen Besuch wert. Gegen Mittag ging es dann wieder zurück in Richtung Tel Aviv durch eher ärmlich anmutende Strassenzüge. Hier reihten sich Händler für Gebrauchtwaren aller Art – von Kühlschränken bis Motorradfelgen immer schön genau auf ein Produkt pro Laden spezialisiert – aneinander und dazwischen immer mal wieder ein kleiner Falaffel Imbiss. Bei einem dieser Imbisse am Rand der Neustadt bin ich dann auch eingekehrt und habe mich erstmal mit einem klassischem Schawarma im Brot gestärkt. Das hat etwas besser (als das eh schon gute) Kreuzberger Schawarma geschmeckt, war aber auch etwas teurer, aber noch im Rahmen. Die Neustadt sah dann ungefähr so aus, wie jede andere westliche Großstadt und ich habe mein Glück nochmal am Strand probiert. Wieder alles voller Schilder die das Baden verbieten. Diesmal habe ich mich aber nicht abschrecken lassen und bin, wie dutzende andere auch, ins Wasser. Das Wasser war glasklar und mit seinen geschätzten und ergoogelten 21 Grad gerade noch erfrischend. Nach einer weiteren GPS-assistierten Busfahrt ging es zurück ins Hotel und der Abend wurde in der Schwimmhalle sportlich ausklingen gelassen.

Tag 2

Netanjah Beach

Der schönste Strand Israels?

Am nächsten Morgen holten ich und ein Arbeitskollege pünktlich um zehn in der Innenstadt unseren Mietwagen ab und machten uns auf den Weg in Richtung Norden. Unsere erste Station, wenn man so will, war ein stundenlanges Stop and Go durch Haifa was mir beinahe den letzten Nerv geraubt hätte, da jede Minute Stau von der kostbaren Ressource Namens Sonnenlicht abgehen würde – die Sonne geht um diese Jahreszeit gegen 16:30 mit rasanter Geschwindigkeit unter. Immerhin konnten wir am frühen Nachmittag Haifa endlich hinter uns lassen und einen Zwischenstopp in Netanjah an einem der laut Reiseführer schönsten Strände Israels machen. Der breite Sandstrand war zwar nicht hässlich, aber gegenüber den ebenfalls schönen Stränden Tel Avivs auch nicht gerade eine Offenbarung. Nach kurzem Beobachten der Zahlreichen Wellenreiter ging es weiter nach Norden zur nächsten Station unserer Reise nach Akko (Acre).

Akko ist eine alte Kreuzfahrerbastion mit vielen gut erhaltenen Gebäuden und Architekturmerkmalen. Zentral neben der historischen Sehenswürdigkeiten dürfte allerdings der riesige Markt in den engen Gassen sein. Dieser steht dem eher touristisch ausgelegten Markt in Tel Aviv in Sachen Größe nicht nach, ist aber nicht primär auf Touristen ausgelegt. So haben wir uns hier recht lange aufgehalten und die schiere Menge der verschiedensten Waren auf uns wirken lassen. Auch ein Rundgang durch Akko war durchaus lohnenswert und hat mir viele schöne Fotomotive beschert. Irgendwann beschlossen wir dann weiter zu fahren und zwar in Richtung Golan Höhen um mit dem Mount Hermon den höchsten Berg Israels zu besteigen.

Akko Shoreline

Die Festungsmauer von Akko

Auf dem Weg in Richtung Golan veränderte sich die Landschaft rapide und die dicht besiedelte Küstenebene wich nach und nach einer recht kargen Bergwelt. Auf der Fahrt diskutierten wir nochmal die politischen Realitäten der Golan-Höhen und hofften auf eine beschwerdenfreie Fahrt durch das eroberte und annektierte Grenzgebiet. Die erwartete Militärpräsenz haben wir allerdings überhaupt nicht gesehen und auch Checkpoints oder ähnliches gab es nicht. Allerdings wurden die Strassen immer dünner und unsere miese Übersichtskarte aus dem Reiseführer tat auch eher schlecht als recht ihren Dienst. Auch das GPS war keine große Hilfe, da wir nur eine inoffizielle Garmin-Karte hatten, da es eine offizielle nicht zu geben schien. Auf dieser Karte fehlten die meisten Strassen Bezeichnungen und auch mit dem Grenzverlauf nahm es diese Karte nicht so genau. So galt unsere größte Angst einem versehentlichen (versuchten) Grenzübertritt nach Syrien und wir beschlossen erstmal ein Quartier für die Nacht zu suchen. Dieses war hier oben aber nicht so leicht, da das einzige Hotel was offen hatte ausgebucht war. So endeten wir nach kurzer Suche in einer für eine nacht gemieteten Ferienhütte, die zwar recht komfortabel und von bajuwarischem Charme geprägt, aber mit 450NIS auch recht teuer war.

Tag 3

Golanhöhen

Blick über die Golanhöhen


Mnt Hermon

Auf einem der Gipfel des Hermont Massivs


Weinanbau im Golan

Weinanbau im Golan


Death Valley

Panzer im Death Valley

Um den Tag besser zu nutzen beschlossen wir am nächsten Morgen um sechs aufzustehen und gleich loszuwandern. Doch ohne jegliche Karten und andere Informationen ist das nicht so einfach und wir fuhren erstmal ein Stück den Berg hinauf. Irgendwo sollte hier ein Skigebiet nebst Wanderwegen liegen. Dieses haben wir allerdings nicht gefunden und ausgeschildert war es auch nirgends. Die einzig ausgebaute Strasse endete vor einem geschlossenen Tor, was von einem IDF-Soldaten nebst MG bewacht wurde. Ohne zu diskutieren kehrten wir um und beschlossen eine Querfeldein-Wanderung aus dem Dorf in dem wir unser Auto geparkt haben. Doch auch das ist hier nicht besonders einfach, da hier erstens alle Berge aus losem Geröll bestehen und ein vorankommen extrem mühsam und nicht ganz ungefährlich ist. Zweitens wird auch überall vor Minen gewarnt die abseits der Wege liegen können, was in Sachen Gefährlichkeit das Geröll wahrscheinlich noch überbieten kann. Also schlängelten wir uns einige Serpentinen hoch, die aussahen als wären sie direkt mit einem Panzer in den Berg gefahren worden. Die Landschaft war ziemlich beeindruckend und wir gewannen rasch an Höhe. Den Gipfel des uns unbekannten Berges vor Augen, kam dann ein erneuter Rückschlag: Laut GPS befanden wir uns schon in Syrien, oder zumindest genau auf der Grenze.

Also sind wir auf dem direkten Wege zurück, haben aber hinter einer Klippe eine gut ausgebaute Strasse vorgefunden auf der Weiter oben auch ein Auto fuhr. Haarscharf kombinierten wir, dass das die Strasse hinter dem Checkpoint sein musste und wir einen zweiten Versuch wagen wollten. Also sind wir nach einem kurzen Frühstück wieder zurück zum Auto und in Richtung Checkpoint gefahren. Der Soldat saß immer noch hinter seinem MG, aber das Tor war mittlerweile geöffnet. Später erfuhren wir, dass die Checkpoints erst ab 8:00h öffnen und bei Dämmerung geschlossen werden, da man sich nur bei Tageslicht im Grenzgebiet aufhalten darf. Ohne Zwischenfälle fuhren wir so bis auf 1200m in das vorher erwähnte Skigebiet. Hier fanden wir dann auch tatsächlich einige Pisten (ohne Schnee) und zwei Lifte vor. Ansonsten war das Areal bis auf einen einsam patrouillierenden Soldaten völlig verlassen. Wir machen uns sofort an den Aufstieg und nutzen dafür zuerst die breite Skipiste. Wir kommen dank des ebenen Untergrundes zwar recht schnell voran, merken aber bald in unseren Beinen, dass Skipisten über mitunter recht Steile Rampen verfügen. Nach einigen Kilometern biegen wir von der Piste ab und nutzen nunmehr einen Ausgetrockneten Bach als Weg. Als der Gipfel langsam in Sicht kommt ändert sich auch langsam die Landschaft, die grünen Hügel gehen hier in eine karge Gebirgslandschaft über, ausserdem Streifen erste Wolken unsere Gesichter. Auf dem Gipfel angekommen haben wir wie erwartet eine atemberaubende Aussicht auf das umliegende Land. Im Rücken den Golan und vor uns die Bergwelt des Libanons. An die vor kurzem hier stattgefundenen kriegerischen Auseinandersetzungen erinnert nur der winzige Bunker, der am Rande des Gipfels steht und völlig verlassen ist. Nach weiteren Erkundungen finden wir noch ein paar Pakete Munition, ein Flak-Geschoss und zwei Panzerabwehrraketen; wieder kommen Zweifel auf, ob es legal ist dieses Gebiet zu betreten. Nach Dutzenden Fotos machen wir uns an den Abstieg. Da wir den selben Weg nehmen den wir auch hochgegangen sind erwarten uns keinerlei Überraschungen und wir erreichen ohne Probleme unser Auto. Auch wenn diese Wanderung insgesamt nur ein paar Stunden dauerte hat sie in mir den Wunsch geweckt einmal mit besserer Ausrüstung für einen längeren Zeitraum hierher zurückzukehren und das Gebiet weiter zu erwandern. Für den weiteren Verlauf des Tages haben wir spontan geplant an der syrischen Grenze lang in Richtung See Genezareth zu fahren. Wir kommen dabei nicht besonders schnell voran, da wir ständig die ausgeschilderten Sehenswürdigkeiten besuchen und in kleinen drusischen Imbissen auf einen Falaffel einkehren. Ein echter Roadtrip eben. Im Laufe der Fahrt sehen wir so ein Weingut, das Death Valley, das Un-Hauptquartier nebst einem recht interessanten Informationsort und erreichen am Nachmittag den See Genezareth. Hier kann man die Stelle besichtigen, an der Jesus über das Wasser ging – Fussabdrücken waren keine sichtbar, aber wem’s gefällt…

Arbel Nationalpark

Blick in den Arbel Nationalpark


Jerusalem bei Nacht

Jerusalem bei Nacht

Als ein echtes Highlight stellte sich dann der Besuch des Arbel Nationalparks da. Der Nationalpark erstreckt sich entlang einer Klippe mit einem super Weitblick über den nördl. Genezareth und die umliegende Landschaft. Diverse schöne Plätze laden im Park zu einem Picknick ein und zum Verweilen unter freien Himmel. Nach dem der Park gegen Einbruch der Dämmerung geschlossen wurde, machten wir uns wieder auf den Weg und fahren weiter in Richtung Jerusalem. Die letzten Kilometer fahren wir nicht durch die Westbank, sondern nehmen wegen der fortgeschrittenen Tageszeit die Autobahn.

In Jerusalem angekommen kümmern wir uns erstmal um eine Unterkunft und landen mitten in der Altstadt im New Swedish Hostel. Das Hostel erweist sich als recht abenteuerlich: es gibt genau einen Schlafsaal und eine Kaffeemaschine und drei Duschen. Wer wert auf extreme Sauberkeit und Komfort legt, sollte das Hostel eventuell meiden – uns erschien es aber angemessen, zumal eine Nacht ca. 5 Euro gekostet hat (inkl. Kaffe unlimited). Bevor wir uns jedoch in den halb gefüllten Schlafsaal gelegt haben, stand erstmal eine Erkundung der nächtlichen Altstadt auf dem Programm. Jerusalem ist dabei vor allem für religiöse oder zumindest an Religionsgeschichte interessierte Menschen interessant. Die ganze Stadt ist bis ins Letzte Eck saniert und herausgeputzt. Dazu ist sie voll gestopft mit Touristen und religiösen Fundamentalisten aus aller Welt und aller Religionen. Mir kam die Stadt daher eher wie ein religiöses Disneyland vor, als ein Ort der eine nähere Erkundung lohnenswert erscheinen ließ. So entschied ich mich also, nach einer kurzen und recht kalten Nacht im Swedish Hostel, am nächsten Tag der Altstadt den Rücken zu kehren und mir die Gedenkstätte Yad Vashem anzusehen.

Tag 4

Yad Vashem

Yad Vashem Gedänkstätte

Nach einem Frühstück in der lokalen Einkaufsmeile direkt in der Altstadt stieg ich also in den Bus und frage mich nach Yad Vashem durch. Dabei geht es leider so zu wie in jeder Großstadt: die Busfahrer sind extrem schlecht gelaunt und sprechen kein Wort Englisch. So frage ich mich mit Händen und Füssen weiter durch und sehe nach 45 Minuten Fahrt in diversen Linien plötzlich Yad Vashem an mir vorbeiziehen. Also nochmal zwei Stationen zurückgefahren und dann die letzten Meter zu Fuss weitergelaufen und schon stehe ich vor dem Eingang der Gedenkstätte. Die Gedenkstätte selber, erweist sich dabei als ein Ort der diesen Namen wirklich verdient. Der Fokus der riesigen Anlage steht dabei kein Museum oder Informationsort, sondern das pure Gedenken. Schon nach den ersten Schritten ergreift mich ein beklemmendes Gefühl, das ich die folgenden Stunden nicht mehr loswerde. Dieser Ort ruft nicht nur das größte Verbrechen der Geschichte in die Erinnerung, sondern gibt allgegenwärtig den Leiden und Opfern des jüdischen Volkes Gesicht und Ausdruck.

Meeresspiegel

Auf Meeresspiegel Höhe

Nachdem ich diesen Ort nach einigen Stunden wieder verlasse stürze ich mich wieder in den Busverkehr Jerusalems und werde sofort wieder ins Hier und Jetzt zurück katapultiert. Die Stadt ist jenseits der Altstadt ein echter Moloch, dessen Verkehr durch den Bau einer Strassenbahn entlang aller Hauptverkehrsstrassen endgültig kollabiert ist. Nach einer ortsüblichen Mahlzeit (Schawarma) begebe ich mich am Nachmittag wieder in die Altstadt um Ihr eine zweite Chance zu geben. Leider ist es hier Tagsüber noch unerträglicher als gegen Abend, da jeder Quadratzentimeter mit Buden und Ständen vollgepflastert ist, die irgendeinen billigen Chinaramsch gegen harte Währung tauschen, der zum Großteil nichtmal versucht einen Bezug zuJerusalem herzustellen. Als ich schliesslich vor der Klagemauer steht, fällt mir vor allem das unglaublich dreiste Verhalten der massig anwesenden Touristen auf: Alle wollen einen Zettel zwischen die Steine der Mauer stecken und setzen sich wie selbstverständlich über das Gebot eine angemessene Kopfbedeckung zu tragen hinweg, indem sie ihre neon-farbenen Schirmmützen (die sie als Zuordnung zur jeweiligen Gruppe tragen) als eine solche ansehen und dieses lautstark durchsetzen.

Gegen Abend treffe ich meinen Kollegen, welcher sich den ganzen Tag die Altstadt gegeben hat, wieder und wir erkunden etwas die umliegenden Stadtviertel. Diese lassen Jerusalem wieder etwas in meiner Gunst steigen. Hier gibt es viele kleine und große Läden und unzählige Märkte deren Zweck nicht das Abziehen von Touristen, sondern die Versorgung mit Alltagsgütern ist. Nach dem wir ordentlich eingekauft haben, suchen wir uns nach Ladenschluss ein kleineres Hotel um dort die Nacht zu verbringen.

Tag 5

Graffiti am toten meer

Graffiti in einem Duschraum am toten Meer

Früh am folgenden Morgen brechen wir auf Jerusalem zu verlassen und fahren erstmal Richtung Osten in die Westbank. Wir passieren die viel diskutierte Mauer und erreichen nach einiger Zeit die gigantische Senke in der das tote Meer liegt. Die Landschaft verändert sich hier rapide und wird nach kürzester Zeit zu einer absoluten Sandwüste mit grell gelben Hügeln und Dünen. Einen Zwischenstopp machen wir an der Meeresspiegellinie um von da an ab nur noch nach unten zu fahren. Nach einem kurzen Frühstück an einer Tankstelle erreichen wir das Ufer des Toten Meeres und suchen erstmal eine Badestelle um wenigstens einmal in den Fluten getrieben zu sein. Dies gestaltet sich als gar nicht so einfach, da der Dezember in Israel nicht unbedingt ein Bademonat zu sein scheint und die meisten Badestellen geschlossen haben. Schliesslich finden wir nahe des Kibbuz En Gedi eine offene Badestelle mit angeschlossenem Wellnesbetrieb. Als die Angestellten dort erfahren dass wir nicht nur die Wellnessanlagen nutzen wollen, sondern auch ins Meer wollen, halten sie dieses für einen schlechten Scherz. Sie halten es schlicht und einfach nicht für möglich, dass man sich bei diesen Temperaturen in das nach ihren Aussagen eiskalte Wasser stürzen könne. Bei den Temperaturen handelt es sich dabei wohlgemerkt um ca. 25 Grad Lufttemperatur und 22 Grad Wassertemperatur. Das Bad im toten Meer ist dabei relativ unspektakulär: Man legt sich ins Wasser und treibt auf dem Rücken. Bewegen sollte man sich dabei möglichst nicht, da die Gefahr besteht etwas von dem Wasser ins Auge zu bekommen – was mir auch prompt passiert ist. Der Schmerz war unbeschreiblich und es kostete mich erhebliche Kräfte nicht mit dem (nassen) Finger im Auge zu reiben. Nach 10 Minuten liess der Schmerz etwas nach und ich konnte das Auge wieder öffnen. Dabei verspürte ich tatsächlich so etwas wie Muskelkater im Augenlied – so doll hatte ich es zusammengepresst. Nach einer ausgiebigen Nutzung der 40 Grad und mit Meerwasser gefüllten Whirlpools stellte ich mir plötzlich die Frage warum überall ausgeschildert steht, dass man beim Verschlucken des Wassers sofort einen Arzt rufen sollte. Schliesslich kann man sich ja auch pures Salz auf die Zunge legen, ohne irgendwelche Schäden oder Schmerzen davonzutragen und stärker als pures Salz würde die Konzentration schon nicht sein. Also todesmutig einen Finger ins Wasser gesteckt und einen tropfen auf die Zunge tropfen lassen. Salziger als Salz war der Geschmack jedenfalls nicht – dafür fühlte er sich an wie flüssiges Eisen und Brechreiz und stechender Schmerz lieferten sich ein Wettrennen. Evtl. hätte ich vorher das Schild betrachten sollen, was Aufschluss über die Konzentration von Chemikalien im Wasser gab. Es handelt sich demnach um eine Mischung aus recht hochkonzentriertem Schwefel und allerlei anderer Chemikalien gewürzt mit einer ordentlichen Salzzugabe die mir das Leben schwer machte.

En Gedi Oase

Eine Oase im En Gedi Nationalpark am toten Meer

Nach einer Süßwasserdusche und ordentlichem Abtrocknen fühlten wir uns wieder recht sauber und verließen die Badeanstalt um den nahegelegenen En Gedi Nationalpark zu besuchen. Dieser ist ein echtes Highlight für Trekking-Interessierte, da er nicht nur diverse Tagestouren mit wechselnder Schwierigkeit, sondern auch einige echte Mehrtagestouren inkl. Zeltmöglichkeit bietet. Der Pfad für den wir uns entschieden führte dabei entlang eines kleinen Baches und einiger recht spektakulärer Wasserfälle die Klippen hoch. Sowohl Steigung als auch Höhenmeter waren dabei recht Moderat und wir konnten daher unser Augenmerk voll und ganz auf die atemberaubende Aussicht aufs Tote Meer und die umliegende Oasenlandschaft legen. Neben einigen lemmingartigen Tieren konnten wir auch diverse Greifvögel beobachten. Da wir uns noch die Ruinen von Masada ansehen wollen, kehren wir anstatt einen weiteren Trail zu laufen, nach einer ca. 10 Kilometer langen Rundtour wieder zum Auto zurück und fahren weiter am Ufer des Toten Meeres entlang.

Blick aus Masada

Blick aus Masada

Im Besucherzentrum von Masada angekommen stellt sich erstmal die Frage, ob wir die auf einem Berg gelegene Festung per Seilbahn oder zu Fuss erreichen wollen. Wegen der zu Ende gehende Öffnungszeiten entschliessen wir uns für die Seilbahn und sind 10 Minuten später bereits oben. Masada selbst ist eine riesige Ruinenlandschaft auf einem Tafelberg und teilweise recht gut erhalten bzw. rekonstruiert. Mehr als der historische Kontext interessiert mich allerdings der grandiose Ausblick und so entschliesse ich mich für eine Wanderung an der Aussenseite einmal um das ganze Gelände. Leider müssen wir selbiges nach ca. einer Stunde verlassen, da es bereits anfängt zu dämmern. Diesmal verzichten wir auf die Seilbahn und nehmen den Fußweg. nach 10 Minuten Nieselregen kommt die Sonne wieder raus und über dem toten Meer ist ein herrlicher Regenbogen in der Abenddämmerung zu sehen. Wir sind zu tiefst beeindruckt! Im Besucherzentrum versorgen wir uns noch schnell mit Eis und Softdrinks und fahren weiter gen Süden. Unser ziel für heute Abend soll die Wüstenmetropole Be’er Sheva sein. Die laut Reiseführer einzige Stadt in der Negev mit mehreren Übernachtungsmöglichkeiten. Nach einem Zwischenstopp in einer Kleinstadt mit Falafelbude erreichen wir in der Dunkelheit Be’er Sheva. Hier jetzt ein Hostel zu finden wird zur Geduldsprobe: Wir haben einen DIN A6 großen Ausschnitt eines Stadtplans – das ist alles. Als erstes versuchen wir irgendwie auf diesen Ausschnitt zu kommen, was uns nach ca. einer Stunde auch gelingt. Nun noch dreimal im Einbahnstraßengewirr Verfahren und wir stehen auch schon vor der Jugendherberge die in irgendeinem größeren Komplex untergebracht ist.

Tag 6

Negev bei Regen

Negev bei Regen - zuviel für die Armee, gerade Richtig für unseren Kleinwagen!


Avdat

Ich als Laienprediger in Avdat


En Avedat Nationalpark

Weggespülte Brücke im En Avedat Nationalpark


Mittelmeer in Ashkelon

Mittelmeer in Ashkelon

Am nächsten Morgen bricht unser letzter Tag in Israel an und es soll noch einmal tiefer in die Negev gehen. Leider regnet es ausgerechnet in der Wüste in Strömen und die Straßen südlich von Mitspe Ramon verwandeln sich in ein Seengebiet. Schließlich werden wir vom Militär in Jeeps gestoppt und man teilt uns mit, dass die Strasse so doll überschwemmt sei, dass sogar sie umdrehen mussten. Wir verhandeln etwas und dürfen zu der Stelle vorfahren um wenigstens ein Foto von der Flut in der Wüste zu machen. Kurze zeit später stehen wir vor einem größeren Teich durch den ein kleiner Fluss fließt. Der Teich befindet sich mitten auf der Strasse und wir beschließen kurzerhand mal zu testen ob sich unser Kleinstwagen auch als Amphibienfahrzeug eignet – und er tut. Bis zur Zierleiste der Tür im Wasser durchqueren wir langsam den Teich und sind bald wieder auf der Straße. Leider ist trotz der auf uns genommenen Gefahren Mizpe Ramon wenig spektakulär und im Angesicht der weiter nahenden Wolken beschliessen wir nach ein paar Fotos umzukehren um nicht irgendwann hier festzustecken.

Für den Ausklang der Reise haben wir uns noch vorgenommen etwas Kultur zu genießen und die Ruinen von Avdat zu besuchen. Die Ruinen selber sind im Vergleich zu Masada eher unspektakulär, aber dafür waren wir die einzigen Besucher und hatten einen wunderschönen blauen Himmel als Kontrast. Da wir uns hier kürzer als geplant aufgehalten haben, beschlossen wir kurzerhand noch einen Ausflug in den En Avedat Nationalpark einzuschieben und den dortigen Canyon zu besuchen.

Der Nationalpark ist ein extrem enger und tiefer Canyon der durch einen kleinen Fluss in die Wüste geschnitten wurde. Es gibt mehrere Wanderrouten entlang des Canyons oder in den Canyon hinein. Gemein haben diese Routen allesamt, dass sie nach ein paar Metern am Canyon entlang den kleinen Fluss kreuzen und dann verzweigen. Leider ist der kleine Fluss die letzten Tage zu einem reissenden Strom angeschwollen und hat die Brücke mit ins Tal gerissen. Somit konnten wir nur ein paar Meter am Canyon entlanglaufen um wenigstens ein paar Eindrücke von diesem eindrucksvollen Naturdenkmal zu bekommen.

Für den Abend kehren wir noch ein einem Restaurant in Ashkelon ein und schlendern noch ein wenig an der Mittelmeerküste entlang, bevor wir in Tel Aviv den komplett mit Schlamm überzogenen Wagen abgeben und noch ein paar Cocktails trinken bevor uns der Flieger wieder nach Hause bringt.

Epilog

Israel ist auch unter Trekking Gesichtspunkten definitiv eine Reise wert. Neben den Golanhöhen lohnen die unzähligen Nationalparks und sicher auch die Negev sofern es nicht gerade regnet. Auch das Reisen per Mietauto würde ich einer reinen Trekkingreise vorziehen, da es kaum durchgehende Trails gibt und das Land so klein ist, das man mit dem Auto wirklich viel mitnehmen kann. Das Land hat sich komplett anders präsentiert als in meinen Vorstellungen. Weder haben wir eine übermäßige Militär oder Polizeipräsenz bemerkt, noch hatten wir jemals das Gefühl nicht in einer modernen Demokratie zu sein.

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